Montag, April 10, 2006

Unfreiwillige Untreue ist eine komplizierte Sache

Es ist nämlich folgendermassen: Ich liebe Dave Eggers. Es hat wohl kaum ein Autor jemals geschafft mich mit seinen (bis jetzt auch durchaus überschaubar wenigen) Werken so zu berühren wie dieser junge Herr aus San Francisco , New York , wo lebt der denn eigentlich jetzt dem Ort aus dem auch Vince Vaughn kommt. Merkwürdigerweise habe ich aber auch seit jeher die Werke von F. Beigbeder verschlungen. Ich fand sie unterhaltsam, habe sie aber, glaube ich, nie so ganz ernst genommen. In meiner persönlichen Rangliste haben sie wohl eher so einen John Sinclair Status gehabt. Ja, das ist schön und easy zu lesen, das unterhält, und wenn es unterhält, dann ist es Unterhaltung. So wie 39.90 oder Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause. Immer leicht shocking, aber nie wirklich verletzend. Französisch halt. Windows of the World war auch so ein Fall, und mit Sicherheit nicht sein bestes Buch. Sondern eher der Versuch, Teil eines Grossen, Ganzen zu werden. Hat aber irgendwie nicht so richtig geklappt.

Jetzt habe ich mir das neue Buch gekauft. Scheiss Titel: Der romantische Egoist. Wer mich kennt weiss: Also, ein Buch mit diesem Titel würde der Nilz eher für ein wackeliges Tischbein benutzen, anstatt es zu lesen.
Aber ich wusste ja wer es geschrieben hat. Deswegen bekam es eine Chance. Und jetzt gings los. Zeile für Zeile verliebte ich mich immer mehr in dieses "Tagebuch" eines gewissen Oscar Dufresne, der ziemlich offensichtlich ein schlecht verstecktes Alter Ego von Beigbeder ist. Ein Beispiel?

"Montag
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Jetzt habe ich nicht einmal mehr die Zeit, depressiv zu sein. Wer bin ich? Manche versichern ich sei Oscar Dufresne; andere denken, mein wahrer Name sei Frédéric Beigbeder. Manchmal habe ich Probleme, mich darin wiederzufinden. Im Grunde bin ich der Ansicht, daß Frédéric Beigbeder gern Oscar Dufresne wäre, sich das aber nicht traut. Oscar Dufresne ist Frédéric Beigbeder, nur schlimmer; warum hätte der ihn sonst erfunden?"


Man sieht, in diesem Buch verwischen ein wenig die Figuren. Oscar Dufresne ist gefeierter Autor und lebt das Jet Set Leben. Heute hier, morgen dort. Die ganze Welt ist ein Club. Und man kennt alle Gäste. Sein Erfolg scheint zu steigen und zu steigen, man bietet ihm schliesslich sogar eine eigene Fernsehshow an. Und dann passiert, womit niemand gerechnet hätte.

Oscar verliebt sich zum ersten Mal. So richtig. Mit allem Zipp und Zapp. Im Alter von 34.
Das het er vorher so noch nie erlebt. Und da wir die ganze Zeit sien Tagebuch lesen, elbene wir auch mit, was das alles mit ihm macht. Die Liebe haut ihn so um, das er versucht sich selbst zu finden, zu positionieren. Und das ist spannender als jeder Krimi, dramatischer als jede Schnulze, kitschiger als jeder Horror. Das muss man lesen, wirklich.

Ich habe dieses Buch also begeistert verschlungen. Und wurde bis zum letzten Punkt nicht eine Sekunde enttäuscht. Aber ich hatte, während dem lesen das Problem, die Angst Eggers jetzt untreu werden zu müssen. Da schreibt jemand ein Hammer Buch, ich habe alles von ihm gelesen, ich muss wohl Fan sein. Mein Herz focht starke Kämpfe aus. Dave, rutschst du jetzt etwa auf Platz 2? Darf das sein? Der Mann, dessen erstes Buch ich ca. 10 Mal verschenkt habe, sinkt in seiner Wertung?

Und dann kam folgender Absatz in Beigbeders Buch:

"Sonntag
Dieses Tagebuch ist ein Anti-Loft-Manifest.Klar bin ich für die Enthüllung des Privatlebens, weil du bei erfundenen Abenteuern, wie Dave Eggers sagt, immer das Gefühl hast, "im Clownskostüm Auto zu fahren". Doch meine Wahrheit ist durch die Lüge geläutert, durch die Arbeit gefiltert un ddurch das schreiben destilliert."


Er zitiert sogar Eggers? Juchuh! Auf dem Thron, auf Platz 1 ist platz für beide! Wer ist dein Lieblingsautor? Eggers UND Beigbeder. So einfach ist das manchmal.