Mittwoch, April 05, 2006

Fegefeuer der Eitelkeiten

I am not a Theater Guy. Weiss auch nicht, gefällt mir so selten. Ich war in den letzten 2,3 Jahren öfter als vorher in meinem Leben, weil ich immer zu den Premieren meiner Mitbewohner gegangen bin, aber sonst...war ich glaub ich einmal. Nun ist unsere Mitbewohnerin ja ausgezogen, hat aber vergessen einen Nachsendeantrag zu stellen. Deswegen bekommen wir nachwievor die Fachzeitschrift "Theater Heute". Und die lese ich gerne aufm Klo. Die ist immer so beruhigend. Aber was ich jetzt gerade las, war schon ne dolle Nummer und da ich in diversen Blogs nichts davon las, fühle ich mich berufen euch mal kurz zu erzählen was da so abgeht.

16. Februar, Schmidtstrasse 12, Frankfurt am Main. Die Premiere von Ionescos "Das grosse Massakerspiel" steht auf dem Programm. Das der Name sehr programmatisch für den Abend werden sollte, ahnte noch niemand. Auch nicht Gerhard Stadelmaier, Theaterkritiker der FAZ, der in der ersten Reihe sass, Stift und Block bereit um zu schreiben was ihm geboten wurde. Oder besser gesagt um es zu zerreissen. Denn diese Inszenierung würde mit absoluter Sicherheit nicht seinem Theaterverständnis entsprechen. Das wusste wohl jeder der ihn kannte. Er hat einen Ruf als Zankapfel.

Das Stück läuft. Eine moderne Inszenierung die, wie es immer so schön heisst, "den Raum auflöst". Das Publikum muss nicht wirklich mitmachen, aber die Schauplätze ändern sich, so dass die Zuschauer sich auch mal umdrehen müssen. Not Stadelmaiers Cup of Tea. Er bleibt stur sitzen. Der Hauptdarsteller Thomas Lewinky versuchte, improvisierend im Rahmen seiner Rolle, den Kritiker zum umdrehen zu bewegen. Aber der gähnte nur. Demonstrativ. Daraufhin lehnte er sich zu seinen Kritikerkollegen und machte eine "scheibenwischerartige Handbewegung vor dem Gesicht" (Regisseur Hartmann in der Berliner Zeitung), schön auffällig, damit die Darsteller es ja auch mitbekommen. 20 Minuten nach Beginn des Stücks, folgte eine Passage in der eine Schauspielerin auf der Bühne einen Vogel gebärt, Stadelmaier lacht sich extra laut kaputt. Na, DER Artikel wird wohl nicht so positiv.

Schauspieler Lewinky fühlt sich permanent gestört, er versucht ein letztes Mal innerhalb seiner Rolle mit einer Impro den Kritiker zu kritisieren. Er sagte:
" Bitte schreiben sie doch morgen in der Zeitung, was für ein schöner Junge hier auf die Welt kam. Bitte, schreiben sie das, sie sehen so intelligent aus."
Stadelmaier, nicht auf den Kopf gefallen, erwiderte gut hörbar für alle: "Sie leider nicht!". Touché! Der war gut. Und hat gesessen. Lewinky flippt aus, geht zu Stadelmaier und reisst ihm seinen Notizblock aus der Hand. Stadelmaier ist empört, steht auf und verlässt das Theater (natürlich in der Hoffnung das sich alle Kritiker mit ihm solidarisieren und mitgehen....was keiner tat. Mit ihm will man wohl nicht so solidarisch sein, oder hat er etwa das erste Mal bekommen was er verdient...?). Lewinky ruft ihm noch die Worte: "Hau ab du Arsch! Verpiss dich! Beifall für den Kritiker!" hinterher. Jetzt würde man in Frankfurt eigentlich sagen "Der Kaas is gegesse", aber weit gefehlt. Denn jetzt gehts erst richtig los...

Stadelmaier sitzt empört an seinem Schreibtisch/Stammtisch/wherever und startet einen Krieg. Er wurde ungerecht behandelt, er wurde richtig angegriffen und die Pressefreiheit noch dazu. Das war Zensur der Kritik. Es wird also alles in allem sehr pathetisch. Er geht zu seinem Chef und berichtet alles. Dieser ist empört, das sein bestes Pferd im Stall so genötigt wurde und ruft Petra Roth an. Die ist ja nicht nur Oberbürgermeisterin von Frankfurt (als wenn sie dadurch nicht schon genug Macht hätte...), sondern auch Aufsichtsratvorsitzende des Theaters Frankfurt. Sie gibt sofort eine Presseerklärung raus in der die fristlose Kündigung Lewinkys gefeuert wird. Die Intendantin reagiert sofort, Lewinky ist seinen Job los. Dumm gelaufen.

Und jetzt schreien sie alle. Die FAZ lacht sich kaputt, die Theatermacher fordern Solidarität mit Lewinky, und Stadelmaier wirft im Süddeutsche - Interview noch weitere Kohlen ins Feuer. "Ich gehe nicht ins Theater, um am Ärmel gezupft, bespuckt oder wie auch immer belästigt zu werden." Oder hier: "Mir wurde der Spiralblock brutal aus der Hand gerissen. Ich hätte mich dabei verletzen können. Aber es hat auch so ganz schön weh getan." Und über die Kündigung Lewinkys: "Er hat sich entschuldigt, akzeptiere ich. Aber wenn ich jemanden umbringe und mich hinterher entschuldige, komme ich trotzdem ins Gefängnis." Sein Fazit: "Das Leben ist live. Theater ist eine Kunstform. Es folgt Regeln und die hat es gefälligst einzuhalten."

Die Bildzeitung regt sich mit auf, der Spielgel versucht schlichtend einzugreifen (und wird von Theaterleuten als ahnungslos bezeichnet), alle sind aus dem Häuschen.

Eitelkeiten. Auf allen Seiten. Theater muss mit Kritik klar kommen, genau so wie Kritiker auch mal vom Selbstgerechtigkeitsthron runterkommen müssen, wenn sie im Theater sitzen. Aber dort sind sie Lichtgestalten. Sie werden hofiert, sie werden immer eingeladen. Sie sollen bitte schön schreiben. Sie haben Macht. Und alle Theater beugen sich ihnen. Insofern war der "Übergriff" Lewinkys mal eine willkommene Abwechslung. Das Theater soll sich gefälligst, wenn es sich schon so wichtig nimmt, auch nicht von Kritikern abhängig machen.

Siehe auch hier, hier, hier und hier.

2 Comments:

Anonymous bart aka dr.multi said...

Tja und da dachte ich es ist toll unmittelbaren kontakt zu seinem Publikum zu haben... Aber nachdem ich letztens im Mathäser Requiem gekuckt habe und nach einer Stunde die Kinder nicht wussten, was sie mit dem Film machen sollten und sich auf den klienstenGemeinsamenNenner geinigt haben (immer wieder lachen über Brustbehaarung des Mannes - mai die Kiddies kennen das noch nicht) bin ich doch froh, dass ich nicht immer das mit ankucken muss...

Aber mai - Tarkowski wäre auch nie drauf gekommen, dass ich seine Filme liebe. Bisher bin ich in jedem Film mindestens einmal eingeschlafen.

12:09 nachm.  
Anonymous Chris said...

Find ich beschissen, dass Thomas Lawinky gefeuert wurde, dass sich die Roth da einfach einmischt. Okay, er hat wohl überreagiert, doch Stadelmeyer verhielt sich auch nicht okay, außerdem sprüht dem doch der Zynismus schon aus allen Poren, kann man sich vorstellen, dass Lawinky sich provoziert gefühlt hat, wenn der Faz-Mann dann noch lauthals lacht. Aber jetzt wird das Stück weiter aufgeführt mit dem geänderten Titel: "Being Lawinky" in Anlehnung an "Being John Malcovich", wie die Theaterleitung beschlossen hat. Genial! Es gibt doch noch sowas wie Gerechtigkeit!

1:00 nachm.  

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