Mittwoch, März 01, 2006

Bananenrepublik


Es ist Mittwoch, ich sitze an meinem Rechner und schreibe eine Ideensammlung für meinen Film03, die u.a. mit Anekdoten
zu tun hat. Und dabei muss ich immer an die eine Anekdote denken, welche bestimmt auch einen absurden Kurzfilm abgeben würde.

Es ist Sommer 2003 in Hamburg. Ein langweiliger Arbeitstag und zu gerne würde am draußen die Hitze am Elbstrand genießen.
Doch an diesem 19.August sollte ein bedeutendes Großereignis Hamburg erschüttern - der Rauswurf von Ronald Barnabas Schill,
seines Zeichens Hamburger Innensenator. Für die, die es nicht wissen, Schill war vor seinem Senator Posten als "Richter Gnadenlos"
bekannt, verhang schon mal 1,5 Jahre ohne Bewährung auf einen einfachen Fahrraddiebstahl und räumte 11 Tage nach
dem 11.September bei der Hamburger Bürgerschaftswahl mit 20% für seine neue rechtspopulistische Partei ab. Gutes
Timing für Barnabas, da er Hamburg verspach die Kriminalität in 100 zu halbieren und die Stadt sicherer zu machen. Tja...
Nach 100 Tagen ist die Verbrechensrate angestiegen, Hunderschaften neuer Polizeibeamter wurden eingestellt, die Motorradpolizei
aus Imagegründen auf Harley-Davidsons umgesattelt, Polizeiautos und Uniformen wurden bis heute in schickes NewYork-Cops-Blau
umgestellt, jeder sollte das Recht haben eine Waffe bei sich zu tragen, Jugendeinrichtungen wurden als Hort des Verbrechens
geschlossen und auf Demos wollte Schill doch gerne exakt das Nervengas einsetzen mit dem in Moskau zuvor das Musicaltheater
von Terroristen befreit wurde - mit unzähligen unschuldigen Toten.

Tja - aber als er am 19.August 2003 dem Bürgermeister damit drohte seine (des Bürgermeisters) Homosexualität bekannt
zu machen und dass er den Justizminister pimpere, da war er fix entlassen und auf der Pressekonferenz konnte man verwirrt
Barnabas Ausführungen lauschen, wie er denn "verdächtige" Geräusche aus der Wohnung des Justizfreundes von von Beust gehört habe.

Hamburg atmete auf und auf dem Kiez und in der Schanze, dem sagen wir mal, sehr liberalen Szeneviertel Hamburger,
wurde auf der Straße gefeiert. Hamburg war befreit und mein Kumpel Stefan und ich fuhren in meinem Auto gen dem Straßenfest.
Wir fuhren offenen Fensters durchs schicke Viertel Winterhude und hörten Run DMC, als plötzlich unser Atem stockte.
Wir standen an einer Ampel und neben uns stieg aus einem parkenden Auto der Barnabas aus... Spontan gröhltem wir ihm zu und
ernteten einen irritierten Blick und etwas, das wir als gequälten Winker interpretierten. Lachend und perplex
beobachtetetn wir ihn ins italienische Hip-Restaurant "La Bruschetta" wackeln. Ampel grün, Tritt aufs Gas.

An diesem Tag Schill zu sehen war schon was besonders - mein liberales Herz schlug höher - aber mein kapitalistisches noch
weit aus höher, denn mit dieser Info könnte man sicherlich dick Geld verdienen. Ich war einmal Zeuge eines Fotos von
Michel Friedmann - der in Deutschland aufgrund seine Kokain-Affaire gesucht wurde. Und plötzlich saß er da in diesem exklusiven
Restaurant in Venedig auf der Terrasse, wo ich und mein Kollege auch saßen. Kollege zückte die DigiCam, knippste ein
verwaschenes Foto aus der Entfernung - das man später als "Friedmann weinte bitterlich" interpretierte - und machte
1,5 Wochen später eine sehr hoch 5-stellige Summe daraus. Aus diesem einen doofen Foto. Allein die BILD zahlte sich für
das Titelfoto dumm und dämlich.

Und so ein Titelseiten-würdiges Foto von Barnabas und seinen dubiosen Gästen in einem Restaurant, an dem Tag, wo ihn
jeder suchte... Da Potential hatten wir an der Hand. Stefan und ich wollten fett absahnen. Also - ab zum Axel-Springer Verlagshaus
- BILD-Zeitung here we come, zückt schon mal Eurer Scheckbuch und die Kiste Schampus, die es auch für das Friedmann-Foto gab.

Stefan und ich also da rein, durch die 3(!!!) Sicherheitsschleusen durch direkt in die Bildredaktion. "Sucht ihr Schill?"
"Ja! Sehr!!" "Wir wissen wo er ist und denken, dass Euch die Info doch sicherlich viel wert ist." "Ja unbedingt!" "Also?"
"Also, wo ist er?" "Im La Bruschetta" "Alles klar, wir kären das, rufen Euch an und machen alles weiter aus. Danke!"

Wie dumm kann man sein, bitte schön?!?! Ziemlich!! Das fiel uns auch ein, nachdem der erste Flash dieser Aktion vorbei war.
Wir haben denen gerade die beste Info des Tages gegeben und fuhren mit NIX wieder weg. Wir waren dümmer als Dumbo und
somit drückt ich aufs Gas - ab nach Winterhude um das Foto selbst zu machen. Als wir gerade einparkten klingelte das Telefon.
"Hallo, so uns so von der Bild. Danke für die Info, unser Fotograf ist unterwegs. Als Dankeschön schicke wir Euch Beiden
die Ausgabe von morgen mit dem Foto drinnen frei Haus."

...

WAS??!?!?! Ne Zeitung umsonst? Ich regte mich am Telefon auf, erzählte ihr von meinem Wissen, über die Tarife, die die
Bild für Titelseitenfotos zahlte... Aber es half nichts. Dann drohte ich damit die MoPo (Hamburger Morgenpost - größster
Bild Konkurrent) anzurufen und da wurde sie dann nervös. "Nein, bitte nicht. Das könnt ihr nicht machen!" "Machen wir aber!".
Immerhin haben wir dann noch je 50EUR rausschlagen können, hatten aber einen besseren Plan: WIR machen schnell das
Foto, verschrecken ihn gleichzeitig dadurch, dass er sich verzieht und niemand anderes das Foto machen kann und verzocken
es an die MoPo. Okay, spitzen Plan. Could work.

Aaaaber wir hatten nur ein Handy zur Hand. Also spielten Stefan und ich die Rolle der "vorbeischlendernden Passanten" und
wollten unbemerkt im Vorgeigehen das Foto machen. Natürlich wurde daraus nix - nur verwischte Streifen, denn die Kamera
machte höchstens ein scharfes Foto wenn man direkt in eine Lampe fotografierte. Und dabei vielen wir auch noch so sehr auf,
dass die Gesellschaft den Tisch wechselte. Schritt zwei des Plans hatte also funktioniert, nur leider ohne Schritt
eins - das MillonenDollar-Foto.

Also - schnell in unsere WG um die Ecke, die DigiCam holen. Wieder am Restaurant, Bildfotograf noch nicht da - gut!
DigiCam raus - Akku leer - FUCK! Ab ins Auto auf zu Joscha, Akkus holen. Von Joscha ausgelacht werden, selbst denken -
Gott wie dumm ist das alles - ab zum Restaurant.

Wieder da, ist natülich alles vorbei. Zwei Schill-Bodyguards schirmten den Laden ab, aus dem nun bereit stehenden BILD-Fotografen,
der zwei Kameras und fünf Objektive zur Hand hatte, wurden drei weitere von anderen Zeitungen. Stefan und ich standen
dumm da, mit unserer kleinen DigiCam, guckten uns an und lachen uns tot... Mehr kann man nicht verkacken.

Aber wir standen da drüber, sahen die Fotos von Schill beim Verlassen des Lokals am nächsten Tag in allen großen Zeitungen,
dachten kurz an die Summe, die uns durch die Lappen ging - und gingen von unseren großzügigen 50-BILD-EURO lecker essen.
Allerdings nicht im "La Bruschetta", sondern beim BurgerKing, und setzten uns deren Pappkronen auf.

Und der Schill? Wahrscheinlich hat er seine Drohung von der 2002er Bundestagswahl wahr gemacht - bei politischer und
persönlicher Niederlage in eine, Zitat: "Bananenrepublik auszuwandern und da mein Glück zu versuchen."

Der Barnabas ward nie wieder gesehen...

5 Comments:

Anonymous bart aka dr.multi said...

sehr schöne Geschichte, claas! Sehr schön...

5:48 nachm.  
Blogger romanlibbertz said...

Wann tippt der Meister wieder?

12:23 nachm.  
Blogger Kerstin said...

köstlich... einfach nur köstlich!

6:48 nachm.  
Anonymous Claas said...

Merci - ich lasse es mir auf der Zunge zergehen...

11:12 nachm.  
Anonymous Cicogna said...

Meines Wissens, ist er nach Kuba ausgewandert.
Schöne Story. ;)

3:03 nachm.  

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